Büssing 8000

Ende 1995 hatte man bei Revell die Idee, einmal etwas ganz Neues auf die Räder zu stellen und zwar alte LKW in Bausatzform. Aber wie und womit sollte begonnen werden? Ich selbst war seit Sommer 1995 nicht mehr im Unternehmen tätig und hatte mich Selbstständig gemacht. Auslöser für dieses Vorhaben waren die Kunden, die sich über die Fachgeschäfte und deren Vertreter an Revell wendeten. Die Bünder Geschäftsleitung beauftragte mich, ein Konzept für eine Serie von alten LKW auszuarbeiten. Eine Aufgabe die ich natürlich sehr gerne durchgeführt habe. Also recherchierte ich und fand eine Reihe von Fahrzeugen, die in den 1950er Jahren das Bild der Wirtschaftswunderzeit prägten.

Hier sind sie, acht LKW wie sie damals auf unseren Straßen unterwegs waren. Was die Reihenfolge einer möglichen Realisierung der Modelle anginnt, so hatte ich mir diesbezüglich auch schon meine Gedanken gemacht. Ein Mercedes-Benz sollte sein, denn die LKW dieser Marke sind überall auf der Welt bekannt und gehörten in 1950er Jahren zu unserem Straßenbild. Die ursprüngliche Idee seitens Revell ein Einheitsfahrgestell für alle Typen zu entwickeln, hatte ich der Geschäftsleitung schnell ausgeredet. Man stelle sich vor der Kunde kauft einen Mercedes LKW als Bausatz, wo vielleicht das Fahrgestell mit Motor noch einigermaßen stimmig wäre, aber spätestens beim nächsten Bausatz würde er feststellen, dass der Büssing oder ein MAN aus genau den selben Bauteilen besteht wie der Mercedes, nur das Fahrerhaus sieht markentypisch aus. Revell hätte sich lächerlich gemacht und davon abgesehen, ich hätte die Entwicklung solcher Modelle dann nicht durchgeführt. Mein Vorschlag mit einem Mercedes zu beginnen lehnten die Verantwortlichen ab, sie wollten lieber einen Büssing 8000 haben. Mercedes gab es damals schon und heute immer noch, es wäre Marketingstrategisch sicherlich sinnvoller gewesen, denn Büssing gab es schon lange nicht mehr, die Marke wurde 1971 von MAN übernommen.

Also machte ich mich an die Entwicklung eines Büssing 8000 im Maßstab 1:24 in der Ausführung als 8 t Pritschenwagen. Revell hatte ich 1996 vorgeschlagen, alle LKW-Modelle in Form eines Baukastensystems zu entwickeln, d.h. Pritsche und Plane passen auf alle Fahrgestelle und die Trilex-Felgen samt Reifen sollten ebenfalls zu jedem LKW gehören. Dafür bekam ich grünes Licht, da dieses Konzept Kosten spart. Acht Monate lang dauerte die Suche nach einem Büssing 8000 Fahrgestell und den passenden Motor dazu, sowie das Anfertigen aller Zeichnungen für den Werkzeugbau.

Damals gab es in Braunschweig noch den Büssing-Veteranen-Club unter der Leitung von Michael Stefan, der leider sehr früh verstorben ist. In den Hallen der ehemaligen Büssing-Werke restaurierte er alles was mit Büssing zu tun hatte und ihn besuchte ich zwecks der Bereitstellung von Konstruk-tionszeichnungen vom 8000er. In einem der vielen Räume lagen die Originalzeichnungen bis unter die Decke gestapelt, von denen er aber keine einzige abgeben wollte.

Er sagte mir, dass er Tage bräuchte um all die Zeichnungen herauszusuchen, die ich für meine Arbeit benötige und das wollte er nicht machen. Er war schon ein wenig schwierig und es dauerte eine ganze Weile bis ich mit ihm so richtig warm wurde. Für mich war es furchtbar zu wissen, dass eigentlich alles für die Entwicklung eines perfekten Modells vorhanden ist, ich da aber nicht rankomme. Was tun?

Ich erinnerte mich an Helmut Hoffmann in Oberhausen, ein Mann der in der LKW-Oldtimerszene bestens bekannt und ein Genie in Sachen Restauration ist. Ich nahm Kontakt zu ihm auf und erzählte ihm worum es mir geht. Erst ein wenig skeptisch, aber nach und nach durfte ich mich in seinen heiligen Hallen nach all dem umschauen, was mit Büssing 8000 zu tun hatte. Und ich bin auch fündig geworden, in der einen Halle lag ein Original-Fahrgestell, in einer anderen Halle die Achsen dazu und andere wichtige Teile fand ich im Laufe meines Aufenthaltes bei Helmut ebenso. Mit der Zeit freundeten wir uns an und dann lief alles wie geschmiert. Übrigens, im Jahr 2005 hatte ich bei ihm im Auftrag auch noch den Sattelzug gekauft, den ich 13 Jahre lang bei der Firma Vogelsang fahren durfte. Zu lesen oben unter – Über mich LKW fahren.

Hier mal ein kleiner Ausschnitt von hunderten von Bildern, die ich bei Helmut Hoffmann und Michael Stefan geschossen hatte. Mit Hilfe dieser Aufnahmen und den unzähligen Maßskizzen die ich von den Büssing-Teilen wie Fahrerhaus, Fahrgestell, Achsen und Motor abgenommen hatte, stellte ich komplett neue technischen Zeichnungen für den Werkzeugbau her. Insgesamt acht Monate dauerte die Recherche und das Zeichnen, dann ging alles an die dänische Firma Heljan, die den Büssing als CAD-Projekt entwickelte.

Als Monate später die ersten Testspritzlinge vom Büssing 8000 aus der Maschine kamen, ging es für mehrere Tage nach Dänemark zur Abnahme des Modells. Drei Personen bauten unabhängig voneinander ein Modell zusammen.
Zwar war ich zu dieser Zeit schon lange nicht mehr bei Revell, aber im Rahmen meiner Freiberuflichkeit nahm ich Ulli Taubert, er war damals der Leiter der Produktent-wicklung von Revell, mit zur Firma Heljan.

Bauteil für Bauteil wurde aus den schwarzen und grauen Spritzlingen herausgetrennt, begutachtet und dann zu einem kompletten Modell zusammengebaut. Zu diesem Zeitpunkt gab es natürlich noch keine Bauanleitung und so wurde die logische Reihenfolge entsprechend notiert. Alle Änderungen die an bestimmten Bauteilen noch durchgeführt werden mussten, wurden genauestens erfasst. Zeitgleich hatten wir auch noch die Bauteile-nummern vergeben.

1997, Revell hatte seinen ersten LKW-Oldie fertiggestellt und für das dritte Quartal des selben Jahres als Neuheit angekündigt. Zu dieser Zeit arbeitete Michael Stefan noch an einem Original für die Spedition Wandt.
Wie sollte es auch anders sein, so kam das Modell in den Farben und Beschriftung der Firma Adalbert Wandt, die ihren Sitz als bekannte Spedition ebenfalls in Braun-schweig hat.


Am 03. September 1997 hatte ich dann das Vergnügen, Michael Stefan und Gerhard Wandt einige Bausätze, wie auch ein fertiges Modell vom Büssing 8000 zu überreichen. An dieser Stelle endet damit die Entwicklung von Revell’s erstem Oldtimer-LKW in Bausatzform. Als nächstes kam der Krupp Titan SWL 80 an die Reihe.